Fehlstart für Bio-Logo der EU: Eine Analyse

EU Bio-Logo500 Millionen Menschen in 27 Ländern mit 23 offiziellen Amtssprachen - das ist die Europäische Union. Kein Wunder, dass es ihren Bürgerinnen und Bürgern schwer fällt, sich in diesem Riesengebilde zu Hause zu fühlen. Um das zu ändern, führt die Kommission immer mal wieder einheitliche Regelungen und Symbole ein. Die sollen Identität stiften, damit sich irgendwann Bulgaren, Deutsche, Spanier und Norweger gleichermaßen als EU-Bürger fühlen.

Am ersten Juli war es wieder soweit: Das gemeinsame europäische Logo für Produkte aus biologischem Anbau wurde eingeführt. Diesmal hat die Kommission es scheinbar besonders richtig gemacht: Um sich nicht länger den Vorwurf anhören zu müssen, ihre Entscheidungen an den Bürgern vorbei zutreffen, hat sie diese vorher um ihre Meinung gefragt: Durch eine Abstimmung im Internet. Wie die zuständige EU -Kommissarin, Mariann Fischer Boel, erklärte, sollten dadurch die Menschen auch für die Bedeutung des biologischen Landbausektors sensibilisiert werden. Also ein bisschen mehr Europagefühl. Und ein bisschen mehr Verbraucherverantwortung.

Das Schweigen der 500 Millionen

Drei Entwürfe standen für die Internet-Abstimmung zur Auswahl. Eine Jury hatte diese zuvor im Rahmen eines europaweiten Wettbewerbs unter Kunst- und Designstudenten aus 3422 Entwürfen ausgewählt. Gewonnen hat der Entwurf von dem Kölner Designer Dusan Milenkovic. Eine deutliche Mehrheit von 68 Prozent hat für sein sogenanntes Euroblatt abgestimmt. Eine Mehrheit, wohlgemerkt, aus lediglich 129.493 Europäern, die an dem Wettbewerb überhaupt nur teilgenommen haben. Das sind von 500 Millionen Einwohnern gerade einmal 0,03 Prozent. Der Europäischen Union hat das gereicht. Und den europäischen Verbrauchern scheinbar auch, zumindest hat sich niemand von ihnen kritisch dazu geäußert. Das blieb der Fachwelt überlassen. Noch bevor die Abstimmung überhaupt begonnen hatte, wurde auf Internetplattformen und in Sozialen Netzwerken diskutiert – nicht immer mit Niveau (konsumo berichtete).

Euroblatt-Designer Dusan Milenkovic im konsumo-Interview über die Logo-Kritiker.

Am Ende muss man Dusan zu Gute halten, das er vielleicht keine Kunst für Kenner geschaffen hat, sondern ein für eine maximal große Zielgruppe verständliches Bio-Kennzeichen.

Wen Dusan mit seinem Logo erreichen will.

Das scheinen die Verbraucher als solches angenommen zu haben. Denn auch, als nach der Entscheidung die Diskussion in der Biobranche anfing, wollten sie sich nicht daran beteiligen. Vielleicht waren sie tatsächlich die Einzigen, die, wie der Designer, erkannt hatten, dass das Euroblatt die wichtigsten Anforderungen der Kommission erfüllt. Und somit der verdiente Sieger ist.

Warum das Euroblatt-Logo funktioniert, aus Dusans Sicht.

Desinteresse? Unwissen? Miese PR?

Bleibt die Frage: Warum haben sich die Verbraucher dann nicht an der Abstimmung beteiligt? Aus Prinzip, weil schließlich auch niemand zur Europawahl geht? Aus Gleichgültigkeit, weil es ihnen nicht darauf ankommt, wie ein Logo aussieht, sondern auf denInhalt?

Dusans Erklärung für die geringe Beteiligung.

Oder aus Unwissen, weil sie über den Wettbewerb überhaupt nicht Bescheid wussten? Letzteres trifft sicher zu. Und es wirft kein besonders gutes Licht auf die Europäische Kommission, denn ich kann schließlich nicht erst eine Internetabstimmung ansetzen, und dann niemandem davon erzählen. Möchte man keine böse Absicht unterstellen, dann muss man dieses Versäumnis wohl damit entschuldigen, dass wahrscheinlich einfach kein Geld da war, um in 27 Mitgliedsländern Litfaßsäulen und Stromkästen zu plakatieren.

Einziges Werbemittel: Ein Spot auf Youtube

Nicht zuletzt der Skandal um den ursprünglichen Entwurf, der eine solche Ähnlichkeit mit dem Aldi Logo hatte, dass die EU ihn direkt wieder einstampfen musste, wird einiges verschluckt haben. Zumindest für einen Spot auf der Internetplattform Youtube hat der Etat noch gereicht. Der hat allerdings gerade einmal ein paar Tausend Aufrufe. Eigentlich kann man da noch froh sein, dass die Beteiligung nicht noch geringer ausgefallen ist. Vor allem, wenn man sich den Werbespot einmal anschaut.

Und das mag eine letzte mögliche Erklärung für die Zurückhaltung der Verbraucher sein: Sie fühlten sich von der ganzen Kampagne an der Nase herum geführt. Gründe dafür gibt es genug. Zum Beispiel die internationale Fachjury: Sie verdient ihren Namen nur bedingt, denn darin saßen nicht nur Experten aus Design und Bioanbau, sondern auch die spanische Radsportlegende Miguel Induráin. Qualifikation: Sein Vater besitzt einen Bauernhof in Nordspanien. Oder die Abstimmungsmodalitäten: Mehrfachabstimmungen waren ohne Weiteres möglich.

Chance verpasst

Wie dem auch sei, seit dem ersten Juli ist das Euroblatt das offizielle EU-Logo für Bioprodukte. Für die europäischen Verbraucher ist es ein großer Gewinn, keine Frage. Doch würde sich jemand die Mühe machen, die mehr als 500 Millionen Menschen mal persönlich zu befragen – er würde feststellen, dass kaum einer von dem neuen EU Bio-Logo gehört, geschweige denn, es jemals gesehen hat. Ob das nun die Schuld uninteressierter Verbraucher oder der miserablen Kommunikationsarbeit der EU-Kommission ist, sei dahingestellt. Fest steht: Die Chance, das Interesse für Verbraucherthemen bei den europäischen Bürgerinnen und Bürgern zu wecken, ist nicht genutzt wurden - von allen Beteiligen. Ebenso wenig wie die Möglichkeit, sich ein kleines bisschen mehr als Europäer zu fühlen. Einer der wenigen, die das tun, scheint Dusan zu sein, der Designer des neuen Logos.

Dusan, der EU-Bürger.

Furl Webnews Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen del.icio.us

4 Reaktionen zu “Fehlstart für Bio-Logo der EU: Eine Analyse”Feedicon

Hallo,

ich wollte wissen, warum bei euch seit einigen Monaten kein neuen Einträge mehr erscheinen? Habt ihr den Betrieb eingestellt oder andere Verpflichtungen? Muss sagen eure Post waren immer ziemlich lesenswert.

Gruß


ja, würde mich auch einmal interessieren?


vielleicht haben sie einfach urlaub, oder keine zeit, oder besseres zu tun? ;);


das video ist odch top, hätten sie doch garnicht besser machen können. dadurch wird auf jeden fall diskussionsstoff produziert ;)

lg


Einen Kommentar schreiben