Fehlstart für Bio-Logo der EU: Eine Analyse

Montag, 5. Juli 2010

EU Bio-Logo500 Millionen Menschen in 27 Ländern mit 23 offiziellen Amtssprachen - das ist die Europäische Union. Kein Wunder, dass es ihren Bürgerinnen und Bürgern schwer fällt, sich in diesem Riesengebilde zu Hause zu fühlen. Um das zu ändern, führt die Kommission immer mal wieder einheitliche Regelungen und Symbole ein. Die sollen Identität stiften, damit sich irgendwann Bulgaren, Deutsche, Spanier und Norweger gleichermaßen als EU-Bürger fühlen.

Am ersten Juli war es wieder soweit: Das gemeinsame europäische Logo für Produkte aus biologischem Anbau wurde eingeführt. Diesmal hat die Kommission es scheinbar besonders richtig gemacht: Um sich nicht länger den Vorwurf anhören zu müssen, ihre Entscheidungen an den Bürgern vorbei zutreffen, hat sie diese vorher um ihre Meinung gefragt: Durch eine Abstimmung im Internet. Wie die zuständige EU -Kommissarin, Mariann Fischer Boel, erklärte, sollten dadurch die Menschen auch für die Bedeutung des biologischen Landbausektors sensibilisiert werden. Also ein bisschen mehr Europagefühl. Und ein bisschen mehr Verbraucherverantwortung.

Das Schweigen der 500 Millionen

Drei Entwürfe standen für die Internet-Abstimmung zur Auswahl. Eine Jury hatte diese zuvor im Rahmen eines europaweiten Wettbewerbs unter Kunst- und Designstudenten aus 3422 Entwürfen ausgewählt. Gewonnen hat der Entwurf von dem Kölner Designer Dusan Milenkovic. Eine deutliche Mehrheit von 68 Prozent hat für sein sogenanntes Euroblatt abgestimmt. Eine Mehrheit, wohlgemerkt, aus lediglich 129.493 Europäern, die an dem Wettbewerb überhaupt nur teilgenommen haben. Das sind von 500 Millionen Einwohnern gerade einmal 0,03 Prozent. Der Europäischen Union hat das gereicht. Und den europäischen Verbrauchern scheinbar auch, zumindest hat sich niemand von ihnen kritisch dazu geäußert. Das blieb der Fachwelt überlassen. Noch bevor die Abstimmung überhaupt begonnen hatte, wurde auf Internetplattformen und in Sozialen Netzwerken diskutiert – nicht immer mit Niveau (konsumo berichtete).

Euroblatt-Designer Dusan Milenkovic im konsumo-Interview über die Logo-Kritiker.

Am Ende muss man Dusan zu Gute halten, das er vielleicht keine Kunst für Kenner geschaffen hat, sondern ein für eine maximal große Zielgruppe verständliches Bio-Kennzeichen.

Wen Dusan mit seinem Logo erreichen will.

Das scheinen die Verbraucher als solches angenommen zu haben. Denn auch, als nach der Entscheidung die Diskussion in der Biobranche anfing, wollten sie sich nicht daran beteiligen. Vielleicht waren sie tatsächlich die Einzigen, die, wie der Designer, erkannt hatten, dass das Euroblatt die wichtigsten Anforderungen der Kommission erfüllt. Und somit der verdiente Sieger ist.

Warum das Euroblatt-Logo funktioniert, aus Dusans Sicht.

Desinteresse? Unwissen? Miese PR?

Bleibt die Frage: Warum haben sich die Verbraucher dann nicht an der Abstimmung beteiligt? Aus Prinzip, weil schließlich auch niemand zur Europawahl geht? Aus Gleichgültigkeit, weil es ihnen nicht darauf ankommt, wie ein Logo aussieht, sondern auf denInhalt?

Dusans Erklärung für die geringe Beteiligung.

Oder aus Unwissen, weil sie über den Wettbewerb überhaupt nicht Bescheid wussten? Letzteres trifft sicher zu. Und es wirft kein besonders gutes Licht auf die Europäische Kommission, denn ich kann schließlich nicht erst eine Internetabstimmung ansetzen, und dann niemandem davon erzählen. Möchte man keine böse Absicht unterstellen, dann muss man dieses Versäumnis wohl damit entschuldigen, dass wahrscheinlich einfach kein Geld da war, um in 27 Mitgliedsländern Litfaßsäulen und Stromkästen zu plakatieren.

Einziges Werbemittel: Ein Spot auf Youtube

Nicht zuletzt der Skandal um den ursprünglichen Entwurf, der eine solche Ähnlichkeit mit dem Aldi Logo hatte, dass die EU ihn direkt wieder einstampfen musste, wird einiges verschluckt haben. Zumindest für einen Spot auf der Internetplattform Youtube hat der Etat noch gereicht. Der hat allerdings gerade einmal ein paar Tausend Aufrufe. Eigentlich kann man da noch froh sein, dass die Beteiligung nicht noch geringer ausgefallen ist. Vor allem, wenn man sich den Werbespot einmal anschaut.

Und das mag eine letzte mögliche Erklärung für die Zurückhaltung der Verbraucher sein: Sie fühlten sich von der ganzen Kampagne an der Nase herum geführt. Gründe dafür gibt es genug. Zum Beispiel die internationale Fachjury: Sie verdient ihren Namen nur bedingt, denn darin saßen nicht nur Experten aus Design und Bioanbau, sondern auch die spanische Radsportlegende Miguel Induráin. Qualifikation: Sein Vater besitzt einen Bauernhof in Nordspanien. Oder die Abstimmungsmodalitäten: Mehrfachabstimmungen waren ohne Weiteres möglich.

Chance verpasst

Wie dem auch sei, seit dem ersten Juli ist das Euroblatt das offizielle EU-Logo für Bioprodukte. Für die europäischen Verbraucher ist es ein großer Gewinn, keine Frage. Doch würde sich jemand die Mühe machen, die mehr als 500 Millionen Menschen mal persönlich zu befragen – er würde feststellen, dass kaum einer von dem neuen EU Bio-Logo gehört, geschweige denn, es jemals gesehen hat. Ob das nun die Schuld uninteressierter Verbraucher oder der miserablen Kommunikationsarbeit der EU-Kommission ist, sei dahingestellt. Fest steht: Die Chance, das Interesse für Verbraucherthemen bei den europäischen Bürgerinnen und Bürgern zu wecken, ist nicht genutzt wurden - von allen Beteiligen. Ebenso wenig wie die Möglichkeit, sich ein kleines bisschen mehr als Europäer zu fühlen. Einer der wenigen, die das tun, scheint Dusan zu sein, der Designer des neuen Logos.

Dusan, der EU-Bürger.

Vuvuzelas ausblenden

Dienstag, 15. Juni 2010

Wer von dem Getröte in südafrikanischen WM-Stadien genervt ist und einen Fernseher mit Equalizer hat, soll es so zumindest teilweise ausblenden können: Die Frequenzen bei 300 Hz absenken, dafür 100 Hz und 1000 Hz anheben. Die Vuvuzelas beim Public Viewing und die Hupen der Autocorsos lassen sich so aber leider nicht dämpfen.

Nachtrag: Die Surfpoeten haben sich ausführlicher damit beschäftigt und eine Lösung für Bastler gebaut.

Unterschreiben Sie hier!

Dienstag, 25. Mai 2010

Spaßeshalber habe ich mich ja schonmal gefragt, was man da eigentlich alles unterschreibt, wenn man im Supermarkt an der Kasse mit EC-Karte bezahlt. In der Regel bekommt man dort einen ellenlangen Zettel mit jeder Menge Kleingedrucktem vorgelegt und unterschreibt, ohne nachzufragen. Wo außer an der Supermarktkasse würde man etwas ungelesen unterschreiben? Und das, ohne eine Kopie zu bekommen?

Kunden von Rewe und Penny Markt unterschreiben beim bargeldlosen Einkaufen nach einem Bericht des Radiosenders NDR Info, dass ihre Daten gespeichert und weitergegeben werden dürfen: an ein Unternehmen für Zahlungsdienstleistungen sowie zwei Wirtschaftsauskunfteien. Der NDR zitiert den von Datenschützern kritisierten Text vollständig:

“Hiermit ermächtige ich das oben genannte Unternehmen der Rewe Group, den ausgewiesenen Rechnungsbetrag durch die beauftragte easycash GmbH, Am Gierath 20, 40885 Ratingen von meinem durch Kontonummer und Bankleitzahl bezeichneten Konto durch Lastschrift einzuziehen und verpflichte mich, auf dem Konto für die notwendige Deckung zu sorgen. Für den Fall einer Rücklastschrift aufgrund unzureichender Kontodeckung, erloschenen Kontos oder nicht berechtigten Widerspruchs verpflichte ich mich, die zusätzlich zu dem Rechnungsbetrag entstandenen Schäden (z.B. Bankspesen, Bearbeitungskosten, Kosten der Adressermittlung) zu ersetzen.

Für den Fall einer Rücklastschrift aufgrund unzureichender Kontodeckung ermächtige ich easycash GmbH, den Rechnungsbetrag zzgl. der entstandenen Schäden innerhalb von 30 Arbeitstagen nach Belegdatum erneut vom genannten Konto durch Lastschrift einzuziehen. Ferner ermächtige ich das kartenausgebende Kreditinstitut SO wie die easycash GmbH, dem oben genannten Unternehmen der ReweGroup unwiderruflich meinen Namen und Anschrift zur Geltendmachung der Forderung mitzuteilen.

Ich willige ein, dass meine Kontonummer sowie Bankleitzahl im Falle einer Rücklastschrift an die Schufa und/oder an die Firma Bürgel Wirtschaftsinformationen GmbH & Co.KG weitergegeben werden und diese zum Zwecke der Schuldnerermittlung Adressdaten bekannt gibt/geben.

Einwilligung gemäß Â§ 4a BDSG

Ich willige ein, dass meine Daten für Zwecke der Zahlungsabwicklung elektronisch gespeichert und verarbeitet werden. Sollte im Rahmen der Zahlungsabwicklung die Lastschrift von meiner Bank nicht eingelöst werden oder sollte ich der Lastschrift widersprechen, stimme ich zu, dass diese Tatsache in eine Sperrdatei aufgenommen werden kann. Nach Zahlung aller Forderungen oder nach Nachweis der Rechtmäßigkeit des Widerspruchs wird der Eintrag wieder gelöscht. Speichernde Stelle für Zwecke der Zahlungsabwicklung ist neben dem oben genannten Unternehmen die easycash GmbH., die auch die eben genannte Sperrdatei für teilnehmende Händler führt.”

Ist das der Grund, weshalb so oft auf PIN-Eingabe verzichtet wird und stattdessen per Unterschrift bezahlt werden kann? Ich könnte mir vorstellen, dass Rewe und Penny ihre Klauseln recht schnell ändern würden, wenn jetzt alle Kunden sich den Text an der Kasse erstmal in Ruhe durchlesen und dann sagen würden: “Nein, das möchte ich nicht unterschreiben.”

Update 27.05.2010:

Rewe hat reagiert:

Der Schutz der Privatsphäre ihrer Kunden hat bei der REWE Group obersten Stellenwert. Das gilt uneingeschränkt auch für das Bezahlen mit EC-Karte. Aus diesem Grund stellen alle Unternehmen der REWE Group ab Donnerstag, 27. Mai 2010, die EC-Kartenzahlung von der Unterschrift an der Kasse auf das PIN-gestützte System um. Die Umstellung wird spätestens Mitte der kommenden Woche in allen zur REWE Group gehörenden Unternehmen abgeschlossen sein. Neben aktuellen Kundenreaktionen war für diesen Schritt entscheidend, dass sich der beauftragte Dienstleister derzeit mit der Landesdatenschutzbehörde NRW in Abstimmung über jüngst aufgetretene datenschutzrechtliche Detailfragen befindet. Erst wenn diese Fragen vollständig und eindeutig geklärt sind, wird die REWE Group die Wiederaufnahme des Unterschriften-Verfahrens prüfen.

“Sparprogramm”: Ein Verbrauchermagazin weniger

Donnerstag, 20. Mai 2010

Verbraucher in Nordrhein-Westfalen (und im Internet) haben bald eine Informationsquelle weniger zur Verfügung. Der Radiosender WDR2 stellt seine Verbrauchersendung Quintessenz ein. Die Sendung, die sich selbst als “Das tägliche ‘Sparprogramm’ auf WDR 2″ bezeichnet, wird jetzt selbst eingespart.

Dem Evangelischen Pressedienst (EPD) sagte ein WDR-Sprecher, dass das Volumen der Verbraucherthemen erhalten bliebe und über den Tag verteilt werde. Nur noch bis Ende Mai bekommen WDR2-Hörer die Informationen gesammelt von 14.30 Uhr bis 15 Uhr, danach ist die Sendung Quintessenz nach fast 40 Jahren Geschichte.

Verbraucher haben damit de facto eine Informationsquelle weniger, aus der sie sich gezielt informieren können. Wer sich für Verbraucherthemen interessiert, wird deshalb kaum den ganzen Tag WDR 2 hören. Mit der Auflösung der festen Struktur “Quintessenz” und der Verteilung der Beiträge über den Tag wird der Sender zu einer Art Cosmopolitan für die Ohren, die irgendwo auch Verbraucherinformationen bietet, aber sicher nicht deswegen gezielt gekauft respektive gehört wird.

Zu hoffen bleibt, dass Verbraucher die Informationen der Quintessenz weiterhin im Internet finden werden. Laut EPD hatte die Sendung den Anspruch, Orientierungshilfen zu liefern, ohne Kaufempfehlungen auszusprechen - genau wie konsumo. Dazu gibt es auf der Seite zur Sendung ausführliche Informationen, einen Newsletter und einen Podcast. Falls diese Angebote ab Juni auch über die WDR2-Website und -Podcasts verteilt werden, wäre das Ende der Quintessenz nicht nur für Radiohörer in NRW, sondern auch für Internetnutzer in ganz Deutschland ein herber Verlust.

Erst surfen, dann kaufen

Dienstag, 30. März 2010

Der IT-Branchenverband Bitkom hat untersucht, wie Verbraucher sich vor Kaufentscheidungen im Internet informieren. Die meisten surfen direkt die Websites der Hersteller an, rund 41 Prozent nutzen Preisvergleichsseiten oder Testberichte. Für Sites wie konsumo birgt die Statistik besonders großes Wachstumspotenzial: Verbraucherportale werden bisher nur von 17 Prozent der Kaufwilligen konsultiert.
Welche Entscheidungshilfen Käufer nutzen
Die Bitkom-Studie bestätigt unsere Erfahrungen über die Zusammensetzung der Zielgruppe: “Besonders intensiv nutzen ältere Surfer die Kommentare anderer Kunden. Zwei Drittel der Internetnutzer ab 65 Jahre lesen die Bewertungen anderer Verbraucher, 39 Prozent geben an, dass die Meinungen anderer ihre Kaufentscheidung beeinflusst”, heißt es in der Pressemitteilung.

Überraschen können die Zahlen des Bitkom sicher nicht. In einer anderen Studie hieß es schon vor fast zwei Jahren, dass 80 Prozent der Befragten das Internet vor größeren Anschaffungen als Informationsquelle nutzen.

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Kein Witz: Apples iPad ist ein Seniorencomputer

Donnerstag, 28. Januar 2010

Steve Jobs: Senior mit iPad (Screenshot apple.com)Wir Macher von konsumo sehen Senioren durchaus als eine wichtige Zielgruppe unseres Verbraucherportals an. Bei vielen Produkten haben gerade Senioren hohen Beratungsbedarf und spezielle Anforderungen. Deshalb widmen wir uns dieser Zielgruppe regelmäßig und berichten beispielsweise über Tests von Seniorenhandys.

Nachdem Apple-Chef Steve Jobs gestern ein neues Produkt vorgestellt hat, das iPad, wird viel darüber gespöttelt. “Der iPod für Senioren” heißt es in den Kommentaren bei Golem.de,  “der Senioren-iPod, ähh das iPad ist da!” heißt es auf einer anderen Seite in der Kategorie “Schenkelklopfer”. Um das Tripel komplett zu machen, noch ein Beispiel: “Apple stellte seinen Jüngern einen XXL iPod für Senioren vor.”

Ein Super-Witz, der nicht besser wird, wenn man ihn noch hundertfach bei Twitter wiederholt.

Andere Seiten setzen sich jedoch ernsthaft mit der Frage auseinander, ob das iPad nicht ein geeigneter Rechner für Senioren wäre. “The iPad - Finally, a Computer for the Late Adopter” schreibt Tekla Perry im Tech Talk:

How do you get a 70-something-year-old woman on the Internet when she’s never used a computer and has just one hard-wired landline phone in her house, no cable TV and no patience for service people, boxes with blinking lights, and frustrating technology? Apple’s new iPad offers a 3G connection starting at $15 a month, paid in advance, no contract. This, finally, is a way to get my aunt on the Internet in a completely non-scary way. Not to mention the fact that the iPad doesn’t need a keyboard, and has no separate touchpad or mouse. My aunt will not have to figure out how to make the cursor move to the right place before she clicks—something that I’ve seen can be difficult for folks that haven’t already learned how to use some kind of pointing device.

Zusammengefasst: Alte Menschen müssen sich keinen DSL-Aschluss legen lassen, sondern können einfach eine Prepaid-Datenflatrate-SIM-Karte ins iPad stecken und ohne den Doppelklick üben zu müssen loslegen. Auch wenn es ganz so einfach nicht sein mag - ich kann mir gut vorstellen, dass das iPad als Seniorencomputer funktioniert. Das glaubt auch die anonyme Seniorenbloggerin bei Bachmichels Haus:

Das faszinierendste daran finde ich, dass der iPad einer ganz neuen Gruppe die Welt der Computer und des Internets erschliessen wird. Wie einfach wird es für sie sein ein solches Gerät zu bedienen. Nur einschalten und mit dem Finger die einzelnen Programme aufrufen. Kein hochfahren, kein ungelenkes Hantieren mit der Maus, keine verwirrenden Programme. Und das beste von allem, der Zugang zu Büchern und Zeitungen, der vorher durch die zu kleine Schrift erschwert war, wird wieder möglich sein, weil sich die Schrift mühelos vergrößern lässt. Vielleicht wird der Anblick von Senioren im Altenheim die sich kichernd über ihr iPad beugen und Spaß haben wie die Teenager schon bald zum Alltag gehören.

Ob Apple diese Zielgruppe im Visier hatte? Auch Steve Jobs wird nicht jünger…

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