Die Ampel-Kennzeichnung - schade drum
Donnerstag, 27. August 2009Die Ampel muss häufiger für politische Debatten herhalten. Sei es, um eine Koalition aus SPD, Grüne und FDP in ein Bild zu fassen oder der Kennzeichnung für Lebensmittel einen Namen zu geben, die mit roter, gelber und grüner Farbe den Zucker-, Salz-, und/oder Fettgehalt von Lebensmitteln anzeigen soll.
Besonders letzteres wird gerade wieder diskutiert. Die Ampelkennzeichnung hat einen neuen Befürworter bekommen: Die Krankenkassen wollen bald auf allen Lebensmittel eine Ampel sehen, denn sie sei eine leicht zu erfassende Kennzeichnung, die einen schnellen Überblick gebe, wie viel Fett, Salz und Zucker in einem Lebensmittel steckt. Da haben sie Recht.
Es gehört schon ein gehöriges Maß an Kreativität dazu, um sich Argumente gegen eine Zusatzinformation für Verbraucher einfallen zu lassen. Horst Seehofer hat sich die Arbeit gemacht und - als er noch Bundes-Landwirtschafts- und Verbraucherminister war - immerwährend betont, die Ampelkennzeichnung sei sinnvoll, allerdings müsse sie von der Lebensmittelindustrie freiwillig eingeführt werden.
Man muss kein Industrie-Insider sein, um zu wissen, dass das nicht funktioniert. Welcher Lebensmittelhersteller kennzeichnet seine Produkte schon freiwillig mit der Botschaft “Fettgehalt: hoch; Zuckergehalt: hoch”?
Horst Seehofer hat zur Ampel aber ja sowieso nichts mehr zu sagen, dafür aber seine Nachfolgerin Ilse Aigner. Sie sieht derzeit “keine Grundlage” für die bunte Orientierungshilfe, weil die Industrie die Ampel-Kennzeichnung ablehnt - mit der Begründung, die Ampel sei zu vereinfachend.
Ilse Aigner hat es anscheinend nicht richtig verstanden. Der Sinn einer Ampelkennzeichnung ist nämlich: vereinfachen. Der Verbraucher soll auf einen Blick sehen, wie viel Fett, Salz und Zucker in einem Lebensmittel steckt. Die Idee ist die sinnvollste und vor allem praktikabelste, die Verbraucherschützer in den letzten Jahren hervorgebracht haben. Selten war ein Vorschlag einleuchtender und auch derart leicht umzusetzen. Sie kann einen, wenn auch kleinen Teil dazu beitragen, den Verbraucher zu einem mündigen Verbraucher zu machen. „Mündiger Verbraucher“ - das steht als Ziel sogar im Wahlprogramm der FDP, die die Ampelkennzeichnung ebenso wie CDU/CSU aber ablehnt.
Davon abgesehen: Warum darf eine Verbraucherinformation nicht vereinfachen, Werbung aber schon? Da heißt das Fruchtgetränk für Kinder “Durstlöscher”, der Reis wird als “aromatischer Duftreis” verkauft, Kaffee hat das “Verwöhnaroma”, der Schokoaufstrich enthält “das Beste aus 1/3 Liter entrahmter Milch” und der Frischkäse ist “Der Sahnige”. Ganz zu schweigen von probiotischen Aktiv-Fitness-Diät-Light-Vital-Produkten. Diese Begriffe sind Produkte der Kreativabteilungen der Lebensmittelkonzerne und Werbeagenturen. Informationswert für den Verbraucher: null. Irreführungs-Potential: hoch.
Das Missverhältnis zwischen Aufklärung und Werbung lässt sich in Zahlen darstellen: Jährlich werden in Deutschland rund 30 Milliarden Euro für Werbung ausgegeben - andere Marketingaktionen nicht mit eingerechnet . Der Etat für Verbraucherpolitik des Ministeriums für Landwirtschaft und Verbraucherschutz beträgt insgesamt 90 Millionen Euro pro Jahr (Haushalt des Ministeriums - PDF). Davon werden unter anderem das Bundesamt für Risikobewertung finanziert sowie ein Großteil der Etats der Verbraucherzentralen und der Stiftung Warentest. Das meiste, was mehrheitlich an Verbraucherinformationen an die Öffentlichkeit gerät, entstammt also dem Etat von 90 Millionen Euro. Das sind pro Person 1,10 Euro. 1,10 Euro Verbraucherpolitik stehen 375 Euro Werbung gegenüber. An diesem Missverhältnis könnte jedoch auch die sinnvolle Ampel nichts ändern - wenn sie denn käme.






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