Brockhaus goes Internet - ein paar pessimistische Gedanken

“In Deutschland existiert eine ausgesprochene Kostenlos-Kultur, was den Konsum audiovisueller Angebote angeht,” war kürzlich in der Studie “Videoportale in Deutschland” zu lesen. Und was für Videoportale gilt, gilt eigentlich für das gesamte Netz, selbst für Seiten, die einen enormen Nutzwert haben. Natürlich denke ich dabei an konsumo, aber auch an XING und heute vor allem an Brockhaus: Die Traditions-Enzyklopädie wird es künftig gratis und werbefinanziert im Netz geben. Nur noch im Netz. Wikipedia hat offenbar gewonnen. David hat Goliath besiegt!

Dass aber Brockhaus offenbar voll auf Werbung setzt und nicht auf ein Premium-Nutzer-Bezahlmodell, verwundert. Die seriöse Mutter aller Nachschlagewerke begibt sich freiwillig in die Gefahr, ihre Inhalte durch Werbung zu verwässern? Kann man kaum glauben.

Logo Brockhaus Enzyklopädie onlineUnd was für Anzeigen könnten das sein? Hochglanzbanner für Luxusgüter? Nein, denn erstens funktionieren Banner nicht mehr. Okay, in der Brockhaus-Zielgruppe vielleicht schon. Zweitens schlägt hier das StudiVZ-Phänomen zu: Die Menschen wollen auf der Seite unterhalten werden respektive Wissen erlangen, aber nicht auf Anzeigen klicken, geschweige denn etwas kaufen.

Oder kontextsensitive Google-Anzeigen? Bei konsumo - wo sich Menschen mit Kaufabsicht tummeln - funktionieren sie ganz hervorragend. Aber soll mich die Anzeige neben dem Brockhaus-Artikel über Otto-Motoren direkt zu Autohändlern in meiner Nähe führen? Wo ist da der Mehrwert, den Werbung im Internet dem Nutzer bestenfalls bieten kann? Fällt mir nichts ein.

Wer die Brockhaus-Multimedia-CD-Roms kennt, weiß, dass auch Videos eine Option für die neue Internetenzyklopädie sind. Und die müssen ja auch finanziert werden. Noch ein Zitat aus der Videoportal-Studie:

Wie die Befragung zeigt, kommen kreative Werbeformen im Umfeld von Video-Content gut bei den Nutzern an. Vor allem Sponsoringwerbung, die vor oder nach dem Abspielen der ausgewählten Videoclips eingespielt wird, ist eine beliebte Bewegtbildwerbeform und wird von zwei Dritteln der Videoportalnutzer voll akzeptiert. Auch innovative und experimentelle Werbekonzepte kommen an, wie zum Beispiel von Amateuren hergestellte Spots oder die Einbindung des beworbenen Produkts direkt in das Video.

Klar, Werbung, die im Zweifelsfall ähnlich unterhaltsam oder informativ ist wie das Video, das ich mir eigentlich angucken möchte, ist ok. Aber das erwarte ich auf Youtube und nicht vom vielleicht angestaubten aber geliebt-respektiertem Brockhaus Verlag.

Hoffentlich trägt sich da nicht eine Institution selbst zu Grabe, die sich lange, vielleicht auch zu lange dem Druck von kostenlosen Wissenseiten wie Wikipedia und der Weisheit der Massen ausgesetzt sah. Schade, irgendwie war es auch immer tröstlich zu wissen, dass das Wissen der Welt manchmal noch zwischen zwei Buchdeckel passt.

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